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Das Leben ist voller Widersprüche

4. Oktober 2008 · 22 Kommentare

Auch wenn es der eine oder andere Kollege gerne widerspruchsfreier hätte. Da geht es ja im Prinzip darum: Wie lange behaupte ich, Marktwirtschaft sei eine gute Sache, der Markt mache das schon von alleine, ab wann weiche ich davon ab und sage; Nein, hier und da muss der Staat, muss die Allgemeinheit kontrollierend und lenkend eingreifen. Und vor allen Dingen: Wann kommt der Punkt, an dem ich vom Glauben abfalle und sage: Nein, so eine tolle Sache ist der freie Markt gar nicht. Bzw. der Punkt, an dem ich sage: Der Markt funktioniert nicht.

Eigentlich ist die Aussage “Der Markt funktioniert nicht” ein Widerspruch in sich. Denn natürlich funktioniert er immer. Nur das Ergebnis, das der Markt liefert, passt vielleicht nicht immer. Es passt nicht jedem. Warum sollte es auch? Ist doch dem Markt egal. Korrekt müsste es heißen: “Die Ergebnisse, die der Markt liefert, gefallen mir nicht.” — Bei der Bankenkrise wäre das einmal, wie es überhaupt zu der Krise kam, diese faulen Kredite, die Zockermentalität, der monetäre Größenwahn, die Gier, ganz schnell Riesengewinne einzufahren, die Undurchsichtigkeit der Anlagen, hatten wir ja im Wesentlichen schon … Dann die Reaktion darauf, die ja nun in Form der beschlossenen, bis zu 700 Mrd. US-$ großen Geldspritze kein bisschen Marktwirtschaft ist, sondern pure Umverteilung zum Erhalt von Banken, die sonst pleite wären — der Markt hat zu dem Ergebnis geführt, dass sie nun pleite sind!

Der Markt hat also in Bezug auf die Erkenntnis, dass die Luschen so wie sie wirtschaften pleite gehen müssen, überhaupt nicht versagt, sondern genau das gezeigt: Luschen! Versager! Bloß das Ergebnis gefällt nicht, weil die übrige Wirtschaft mit dran hängt, wegen den Krediten, die gebraucht werden und wegen dem allgemeinen Vertrauensverlust. So kann man ohne in echte Widersprüche zu geraten ja trotzdem noch und weiterhin die freie Marktwirtschaft für eine tolle Idee halten, die in der übigen Wirtschaft recht gut funktioniert, nur eben nicht, wenn Banker Casino spielen. Die Schlussfolgerung der ausschließlichen Funktionsfähigkeit oder Nichtfunktionsfähigkeit der Marktwirtschaft war schon immer etwas für Dogmatiker und Extremisten.

Und der Markt war noch nie eine Sache, die sich um das Allgemeinwohl kümmert, das steckt da nun mal nicht drin. Wenn das Ergebnis also nicht gefällt, muss man eben irgendwas tun. Aber in diesem Fall kann der Eingriff ja wie schon erwähnt die Krankheit auch in die Länge ziehen.

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22 Antworten bis hierher ↓

  • freiburgerthesen // 4. Oktober 2008 um 12:23

    Etwa das ist mein Punkt, ja – es wird in den USA (und auch hier) eigentlich nichts getan, um die Ursachen der Katastrophe zu beheben. Man versorgt die Casinos nur mit frischem Spielgeld und sorgt dafür, dass der Markt nicht einmal das tun kann, was er eigentlich tun sollte.

    Dessen “Funktionieren” würde ich übrigens doch daran messen, ob er die versprochenen und gewünschten Ergebnisse zu liefern in der Lage ist – eine stabile, faire Wirtschaft etwa. Und das scheint nicht der Fall zu sein.

  • NUB // 4. Oktober 2008 um 12:32

    Erster Absatz: Zustimmung.

    Zweiter Absatz: Der Markt kann unter Garantie allein nicht Garant einer fairen Wirtschaft sein, das Recht muss hinzu kommen. Man vergesse nicht, es handelt sich in vielen Fällen der Marktverzerrung tatsächlich um Betrug, um Wirtschaftskriminelle. Zudem ist Fairness als Begriff des Sozialen an komplexe Bedingungen geknüpft; z.B. wenn Lohndumping als unfair empfunden wird, Streitigkeiten um Mindestlohn und Kündigungsschutz… Der Markt selber ist da nicht haftbar zu machen.

  • freiburgerthesen // 4. Oktober 2008 um 14:53

    Stimmt, den Markt kann man dafür nicht verantwortlich machen, sondern nur das Gesamtsystem. Darum gibt es auch den Primaten… äh, das Primat der Politik. Versagt hat eigentlich nicht der Markt, sondern eine Politik, die ihn entfesseln wollte, und darüber vergessen hat, dass der Markt eben Regeln und Zusatzsysteme braucht, damit die Wirtschaft unsere Ansprüche an sie auch erfüllen kann.

  • NUB // 4. Oktober 2008 um 15:29

    Genau.

    Und eine Politik, die mitunter an den falschen Stellen unheimlich feste Stellschrauben einsetzt und unnötige Bürokratie schafft, während zeitgleich woanders Laissez-faire in den Untergang führt.

    Folgerichtig kritisieren Linkspartei-Verfechter bevorzugt Großkonzerne, u.U. wären aber auch Mittelständler Betroffene ihres Staatssozialismus. Anders gesagt: Der Staat ist in diesen Belangen wie ein Gärtner, der feine Werkzeuge bräuchte, aber nur zwei linke Hände und ausschließlich Daumen hat. Vielleicht kann er die Heckenschere greifen und die Rosen gleich mit abschneiden oder das Unkraut mit den Tulpen vertilgen, die zielgerichtete Politik wäre aber eher gefragt.

  • freiburgerthesen // 4. Oktober 2008 um 23:11

    Das Gärtnerbild gefällt mir sehr gut, muss ich sagen. Auch, was die Vorstellung des “richtigen” staatlichen Umgangs mit Märkten angeht.

  • Libero // 5. Oktober 2008 um 8:40

    @NUB

    Ob das Luschen und Versager waren? Man hat ihnen nie beigebracht, das es so etwas wie Anstand gibt, ja man sich nur dafür interessiert, an sie Wissen zu vermitteln und bewertet, wie sie Wissen anwenden. Dann hat man ihnen noch gesagt, das der Markt selbst heilend und selbstregulierend ist. Das fiat money den Markt stört. Das ist eine Seeligsprechung vor dem Eintritt in den Beruf. Fällt denn wirklich nur mir auf, das man sie völlig von der Verantwortung für ihr Verhalten freisprach? Ihr Verhalten war edel solange sie das erlernte Wissen anwendeten. Sie haben sich eigenverantwortlich verhalten. Diese Situation ist eine Demonstration, wie perfide, ja niederträchtig dieser Appell ist. Verhalte dich nicht verantwortlich, sondern nur eigenverantwortlich. Das das real existierenden Liberalen nicht einmal auffällt, spricht sehr für ihren geistigen Tiefgang. Wer den Nachlass der Neoliberalen liesst, begreift, was Ethos ist, und ist vor einer solchen sprachlichen Niedertracht gefeit. Wer das Leben vieler Menschen beeinflußt, hat verantwortlich zu handeln. Punkt

  • NUB // 5. Oktober 2008 um 9:56

    Libero

    Auf psychologischer und soziologischer Ebene trifft es das schon, fachlich waren die Akteure aber davon überzeugt, auch ihren Banken den großen Erfolg zu bescheren. Dabei liegt es natürlich auch daran, wie kritische Stimmen im Vorfeld des Untergangs stets zum Schweigen gebracht werden. Die Titanic kann nicht sinken! Es ist ein Schuft, wer etwas anderes behauptet.

  • Libero // 5. Oktober 2008 um 10:05

    @NUB

    Eben, das meine ich ja. Es wurde ihnen Fachwissen eingetrichtert, mehr aber nicht. Rüstows Wort von der soziologischen Blindheit des Liberalismus stimmt noch immer.

    Die kritische Stimmen sind antizyklisch. Auch die Leerverkäufe, die es gab, waren antizyklisch. Die antizyklischen Momente wurden einfach ignoriert.

    Es wird langsam Zeit, das man die Heroen des Lberalismus wie Hayek und Mises, Friedman und Rothbard neu bewertet. Das sind Menschen, die aus ihrem Studierzimmer über den Markt nachgedacht haben. Menschen funktionieren aber nicht so wie in der weltfernen Umgebung der Institute. Aber sie werden rauf und runter gebetet. So wie man früher Galen und Aristoteles und die Bibel las, wenn man erfahren wollte, wie die Welt um einen herum funktioniert. Die genannten haben sich nie als unternehmend handelnde Menschen am Markt behaupten müssen, werden aber als Lehrer ernstgenommen. Beobachten war auch nicht ihre Stärke. Und solche Menschen werden von Studenten wie Propheten gelesen. Es ist einfach unglaublich, wie wenig eigenständig manche denken.

  • Libero // 5. Oktober 2008 um 10:44

    @NUB

    auf der Rückfahrt von Wien habe ich Menschen kennengelernt, die den Bauboom in der Umgebung von Maimi erlebt haben. Die kannten Menschen, die mit ihm spekulierten und Bankangestellte, die Hypotheken bewilligten. Die wußten, das der Trend brechen würde und einer sagte ihnen, daß er froh wäre, wenn alles vorbei wäre und er wieder im Einklang mit sich selbst wäre. Wie und wann die antizyklische Einflüsse die prozyklischen übertrumpfen, hängt also nicht von der einzelnen Meinung ab, sondern von einer Art Verklavung durch Vorgesetzte und durch das Man sagt/Alle sagen es. Es ist wesentlich komplexer als es WiWi denken und es eindeutig eine zu lange Totzeit in der Reaktion auf die antizyklischen Einfüsse. Abgesehen davon, daß es Wahrnehmung und den Willen zur Wahrnehmung voraussetzt. Handlungsvermögen setzt Urteilsvermögen setzt Wahrnehmungsvermögen voraus. Mit ein bißchen Erfahrung über den Meinungsbildungsprozess im öffentlichen Raum oder in Unternehmen weiss man das, in der Weltferne lernt man das natürlich nicht.

  • freiburgerthesen // 5. Oktober 2008 um 13:53

    Wir alle wissen, dass die Ölreserven endlich sind. Trotzdem aber bauen Leute immer noch Autos mit Verbrennungsmotor und Ölkraftwerke – weil wir hoffen, dass wir deren Gewinn einfahren können, solange die Ölpreise noch nicht völlig explodiert sind.

    Ähnlich stelle ich mir das Verhalten am Neuen Markt oder in dieser Immobilienblase vor. Jeder weiß, dass es eine Blase ist. Jeder weiß, dass sie platzen wird. Aber vielleicht kann ICH meine Gewinne ja noch realisieren, bevor sie platzt.

  • NUB // 5. Oktober 2008 um 15:18

    Exakt das ist es. Alle wissen’s, der Erste, der es sagt, wird ausgebuht.

  • freiburgerthesen // 5. Oktober 2008 um 22:52

    Und der dritte. Und der vierte. Und der fünfte. Dem hundertachzehnten hören viele schon gar nicht mehr zu. Und die, die zuhören, sind dann so, wie die Leute, von denen Libero sprach:

    “Die kannten Menschen, die mit ihm spekulierten und Bankangestellte, die Hypotheken bewilligten. Die wußten, das der Trend brechen würde und einer sagte ihnen, daß er froh wäre, wenn alles vorbei wäre und er wieder im Einklang mit sich selbst wäre.”

    Wäre ich anders, wenn ich in dem Business wäre? Wohl kaum. Das Geld liegt auf der Straße, versuche ich halt, es aufzusammeln, bevor die Straßenreinigungsmaschine kommt.

    Von daher verdamme ich diese Leute nicht. Ich wünsche ihnen, unter die Räder zu geraten, richtig zu bluten, ein wirklich furchterregendes Exempel zu bieten. Das ist aber nichts persönliches. Es soll nur zum Wohle jener dienen, die in Zukunft vielleicht ähnliche Blasen angucken. Auch, wenn es vermutlich nix hilft.

  • Libero // 6. Oktober 2008 um 5:51

    @NUB

    wäre ich anders, wenn ich im Business wäre
    Der Versuchung zu widerstehen, wenn man bleibt, ist sicherlich schwierig. Bei solchen Krisen lernt man Menschen kennen, die sich aus dieser Dunstglocke zurückzogen.
    Ich wünsche ihnen, unter die Räder zu geraten, richtig zu bluten, ein wirklich furchterregendes Exempel zu bieten
    Welche Wirkung soll das haben. Wieder nur Henker und Totengräber? Das bringt gar nichts. Das ist eine moralverzehrende Tätigkeit und die wird nicht dadurch vor Krisen geschützt, das man mit dem Henker droht. Wie schlimm waren die europäische Städte, die ganze Städte ausradierten. Hat das dazu geführt, das die nächste Generation sie vermied. Nein

    Wenn man nichts anderers macht als diese Tätigkeit und auch nur mit Menschen zusammen ist, die es tun und dann auch noch es überwiegend jüngere Menschen sind, wird der henker keinen Eindruck hinterlassen.
    Die sind vernetzt, aber mit den falschen Menschen. Denen fehlt die Erdung.

  • freiburgerthesen // 6. Oktober 2008 um 8:29

    @Libero:
    War nicht NUB, war ich. :)

    Und ich bedauerte ja selbst schon: “Auch, wenn es vermutlich nix hilft”. Was aber m. E. auf jeden Fall schadet, ist, dass die Allgemeinheit solche Typen jetzt auch noch überall auf der Welt mit frischem Spielgeld versorgt. :(

  • Libero // 6. Oktober 2008 um 8:46

    Diese Menschen wurden ausgebildet und haben im Beruf Vorgesetzte. Es reicht nicht Wissen zu vermitteln. Man muß sich auch ansehen, an wen. Drogensüchtige sind für bestimmte Berufe nicht geeignet, dürfen nicht einmal ein Auto fahren. Aber sie dürfen Volkswirtschaften in den Ruin fahren. Es reicht doch nicht, Ihnen den Tank nicht zu füllen. Die habenn am Steuer eines Autos nicht zu suchen und wenn man merkt, das sie sich verändern, müssen sie ihren Arbeitsplatz räumen. Das Problem ist doch nun wirklich nicht neu und seit Homer in der Weltliteratur verankert.

  • Libero // 6. Oktober 2008 um 14:59

    Market Watch erinnert in diesem Artikel
    Successful Managers, Not Effective Managers, May Explain Why the Wrong Corporate Executives Run Companies
    http://www.marketwatch.com/news/story/weiner-communications-provides-possible-explanation/story.aspx?guid={DE44320C-6867-4358-B77C-331C58EB8EAD}&dist=hppr
    an eine ältere Veröffentlichung von Fred Luthans, der wie schon 1988 immer noch an der University of Nebraska lehrt
    Successful vs . Effective Real Managers
    http://pages.stern.nyu.edu/~wstarbuc/mob/luthans.html
    oder
    http://www.sosu.edu/faculty/cvonbergen/Successful%20vs%20Effective%20Real%20Managers.pdf als pdf-Datei

  • freiburgerthesen // 6. Oktober 2008 um 15:00

    Und konkret heißt das?

  • Libero // 6. Oktober 2008 um 15:12

    In einem Satz und überspitzt. Die Selbstvermarkter sind in der Spitze angekommen. Das sind Menschen, die die Aufsicht über das Geschehen in ihrem Unternehmen zu Gunsten ihrer persönlichen Karriere vernachlässigen.

  • B.L.O.G. - Bissige Liberale ohne Gnade » Nüchternes zur Krise // 6. Oktober 2008 um 23:15

    [...] NUB hier geschrieben hat, trifft m.E. den Kern der aktuellen Problematik ganz gut. Wenn man z.B. fragwürdige [...]

  • Libero // 7. Oktober 2008 um 6:26

    Eigentlich ist die Aussage “Der Darm funktioniert nicht” ein Widerspruch in sich. Denn natürlich funktioniert er immer. Nur das Ergebnis, das der Darm liefert, passt vielleicht nicht immer. Es passt nicht jedem. Warum sollte es auch? Ist doch dem Darm egal. Korrekt müsste es heißen: “Die Ergebnisse, die der Darm liefert, gefallen mir nicht.”

  • Karsten // 7. Oktober 2008 um 8:26

    Gute Links übrigens, Libero. Danke!

  • NUB // 7. Oktober 2008 um 8:40

    Ja, da schließe ich mich Karsten an: Danke, Libero.

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