Entweder haben die wichtigsten deutschen Internetprovider dafür gesorgt, dass rottenneighbor.com von Deutschland aus nicht mehr erreichbar ist oder es wird vom Hoster der Seite für Surfer aus Deutschland gesperrt. Dies wäre etwa auf behördliches Betreiben, als Reaktion auf Beschwerden denkbar, ist aber noch Spekulation.
Hat die Maßnahme einen offiziellen Hintergrund, wäre dies die erste providerübergreifende Sperrung einer Website in Deutschland, letztlich also eine Zensurmaßnahme. Die Zeiten, in denen wir über das chinesische, iranische, kubanische oder saudi-arabische gefilterte Internet schmunzeln oder diese Verhinderung von Meinungsfreiheit anprangern könnten, wären dann schon ein Stück weit vorbei. Wobei die Seite über Umwege, Anonymisierungsdienste, doch zu erreichen ist.
Update 15.11.08: Wie es aussieht, ist RottenNeighbor aus Deutschland weiterhin zu erreichen. Mittlerweile sind zahlreiche Rechtsstreitigkeiten als Folge des Angebots entstanden.
Nach unserem Rechtssystem ist die Menschenwürde und Ehre einer Person ein höheres Rechtsgut als die Meinungsfreiheit, weswegen unsere Rechtsexperten übergreifenden Schutz der Person verbunden mit besserem Datenschutz im Internet auf internationaler Ebene fordern. In den USA sieht es freilich ganz anders aus, da ist nämlich die Meinungsfreiheit ein höheres Gut. Dass man die Deutschen daher vor solchen Internetseiten aus Ländern mit anderen Rechts- und Wertvorstellungen (die einander ja bekanntlich bedingen) schützen müsste, muss man aber nicht so sehen. In einem anderen Land gehostet, heißt nicht nach deutschem Recht, das ist immer so. Natürlich sah es der Heute Journal-Moderator eben anders, meinte er doch, man müsse über die Nichterreichbarkeit ja eigentlich nicht traurig sein.
Es waren offenbar öffentlich-rechtliche Medien, die auf den “Skandal” aufmerksam gemacht haben und die damit vorerst als Urheber etwaiger Gegenmaßnahmen angesehen werden müssen.
Dass die Öffentlich-rechtlichen gegenüber dem durchschnittlich bestimmt 60-jährigen Zuschauer mal wieder vermittelt haben, dass alle neumodischen Bedrohungen und Übel nur aus Amerika kommen können, ist ein kleiner Nebeneffekt, den man ja mittlerweile auch zur Genüge kennt. Würde man uns in diesem Superstaat besser vor Cyberkriminellen, Wirtschaftskriminellen und anderen Betrügern und Gangstern schützen und die ZDF-Zuschauer vor dem Enkeltrick, wäre uns allen mehr gedient als mit sowas. Weil die schlimme Verleumderseite im Netz so wichtig ist, berichtet das ZDF morgen um 21.00 Uhr gleich wieder darüber.
5 Antworten bis hierher ↓
Apropos Nanny-State « Freunde der offenen Gesellschaft // 4. September 2008 um 0:21
[...] Sperrung von rottenneighbor.com für Deutschland? « Neues Und Bekanntes. Dieser Eintrag wurde von Daniel Fallenstein am Do, 4. Sep 2008 um 00:19 geschrieben, abgelegt [...]
Sebastian // 4. September 2008 um 0:24
Mit Freenet funktioniert die Seite ohne Probleme
NUB // 4. September 2008 um 5:40
Logisch, heißt ja auch Freenet.
Netz für freie Menschen.
Über T-Online beispielsweise: Fehlanzeige.
Nicht, dass man das nicht umgehen könnte, aber die meisten Leute wissen wohl nur, wie sie eine Adresse im Browser eingeben, anonymouse.org und so weiter sind den meisten Leuten wohl nicht bekannt.
bravo56 // 4. September 2008 um 23:17
Als die ersten Nachrichten über diese Seite aufkamen habe ich da mal drauf geschaut und gesehen, dass Deutschland bei weitem nicht so mit übler Nachrede und Denunziantetum verseucht war, wie einem das die medien glaube machen wollten. Heute habe ich probiert, ob ich auf die Seite komme. Ging problemlos. Aber oh weh, was bekam ich zu sehen? mindestens 20 mal so viele Häuschen und massenweise hahnebüchenen Blödsinn an Kommentaren.
Da sieht man mal wieder die Macht der Medien. Kein Mensch hätte die Seite bemerkt, wenn nicht in jedem Sender ein empörter Kommentar darüber zu sehen gewesen wäre. Jetzt hat sich anscheinend jeder Spinner da eingeloggt, um seinen Senf abzugeben.
Die Seite ist ein übles Machwerk, aber sie zu sperren wäre meiner Meinung nach der falsche Weg.
NUB // 5. September 2008 um 7:25
@bravo56
Dieser kontraproduktive Effekt, erst richtig populär zu machen, worüber ein Medium sich so echauffiert, kommt noch hinzu.