Nein, dies wird kein Islamismus- und Terrorismus-Beitrag. Vielmehr geht es um einen Beitrag von Gay West. Am Rande aber um die Meinungsfreiheit als solche, am rechten Rand des Themas also auch um PI. So gesehen geht es doch um Islamismus. Aber immer der Reihe nach.
Gay West hat das Wort:
Ja, das böse McDonalds hat entschieden, sich im Endkampf der religiösen Fundis gegen Homosexuelle auf die Seite der Schwulis zu schlagen. Was die AFA so schockiert hat, dass sie sogleich zum Boykott der Buletten-Bude aufgerufen hat:
- This boycott is not about hiring homosexuals
- It is not about homosexuals eating at McDonald’s.
- It is not about how homosexual employees are treated.
It is about McDonald’s, as a corporation, refusing to remain neutral in the culture wars. McDonald’s has chosen not to remain neutral but to give the full weight of their corporation to promoting the homosexual agenda, including homosexual marriage.
Die berüchtigte “homosexuelle Agenda” ist, wie wir alle wissen, unser Meisterstück – der, durch den zuckersüß vorgetragenen Ruf nach Akzeptanz, getarnte Plan, Gott zu töten, die Heterosexualität auszurotten, Familien zu zerstören und anschließend die Kinder zu verspeisen. Das McDonalds bei dieser perfiden Aktion mitmacht ist für die Heteros zwar bedauerlich, zeigt aber die Macht der Schwulen im globalen Kontext, die jetzt auch schon den Kapitalismus instrumentalisieren, um ihre zerstörerischen Ziele zu erreichen.
Cut. So verwerflich die homophobe Agenda ultrakonservativer Amerikaner, der Schwulenhasser, christlicher (oder islamischer) Fundamentalisten u.s.w. auch sein mag, so sehr tolerante Menschen für die schwulen Anliegen Verständnis haben mögen. Was ist verwerflich an der Forderung, als Unternehmen McDonalds neutral zu bleiben?
Zwar ist die Neutralität eines einzelnen Menschen etwas, das ja doch irgendwie immer zweifelhaft ist, wir reden aber über eine Firma. Ist einem Individuum etwas oder jemand egal, ist das auch eine Bewertung. Jedenfalls kann ein Unternehmen sich aus solchen gesellschaftspolitischen Themen durchaus heraushalten. Und sollte es vielleicht auch.
Wo kämen wir hin, gäbe es Fastfood-Ketten für Homos, andere für christliche Heteros, vielleicht bald wieder die einen Restaurants für die Schwarzen und Latinos, die anderen für Weiße? Hier die Moslems, dort die Nichtmoslems? An der Ecke ein Schuhgeschäft nur für Grüne, dort eines für CSU-Anhänger. Ließe sich mit anderen Geschäften endlos fortsetzen.
Dass sich Unternehmen nicht auf irgendwelche Weltanschauungen und politische Einstellungen festlegen und sich raushalten, kann auch Sinn machen. Aber in diesem Fall könnte man ja argumentieren, es sei die Schuld der Homophoben, die die Schwulenehe verweigern wollen. Wenn sie so intolerant sind, muss man das ächten.
Kann sein, heißt aber nichts anderes als eine schwulenfreundliche Gesinnung zum gesellschaftlichen Standard, zur Pflicht zu erheben, eine homophobe Gesinnung bzw. jede religiös oder anderweitig begründete Ablehnung der Schwulenehe zu einer verwerflichen Gesinnung zu erklären. Davon abgesehen, dass dies nicht der Art und Weise entspricht, wie die USA als Gesellschaft funktionieren: Was soll es bringen?
Bringt es wirklich etwas, wenn ein intoleranter Mensch seine Klappe hält und nicht artikuliert, wie intolerant er ist? Ist das so die Kapitulationshaltung “Wenn wir schon nicht überzeugen können, wollen wir die Gegner aber wenigstens mundtot machen” ? Und übernimmt man damit nicht genau die Vorgehensweise, die gegen Schwule und Lesben seit jeher angewandt wird, sie nämlich zu stigmatisieren und ihre Anliegen zu delegitimieren? Wenn es eben Fundi-Christen und andere gibt, die ein Glaubensproblem mit Schwulen und Lesben haben, dann ist das doch deren Sache, solange sie mit ihrer intoleranten Gesinnung nicht die Rechte von Schwulen und Lesben verletzen. Gehört es zum Recht von Schwulen und Lesben dazu, dass niemand homophobe Ansichten vertreten bzw. haben darf?
Dieselbe Frage kann man bei anderen Themen stellen, bei denen es um Intoleranz gegenüber Minderheiten geht. Auch bei verschiedenen mehr oder weniger als Hassblogger zu bezeichnenden Individuen kann man die Frage nach der Meinungsfreiheit in den Raum stellen. Wenn die Zielsetzung nur stets darin zu sehen wäre, andere Meinungen auszuschalten, aber nicht den anderen zu überzeugen oder ihm zumindest etwas Substanzielles entgegen zu halten, dann wäre das Ziel jedes Culture wars eine Einheitskultur mit einer Meinung, so gesehen tatsächlich eine Gesinnungsdiktatur.
Das Störende daran ist aber vor allen Dingen schon mal die falsche Logik, nach der dann auch ein Dorf voller Neonazis super wäre, solange diese bloß kein Plakat kleben, keine Versammlung machen und ihren Mund halten. Es wird das Symptom zum Syndrom erklärt, die Artikulierung der Intoleranz ist die Intoleranz. Ist sie natürlich nicht, denn kein Schwulenhasser wird sich im Alltag schwulenfreundlich geben, weil eine bestimmte Meinung z.B. nicht im Internet steht. Genauso wie kein Moslemhasser “Musel” mag, bloß weil auf einmal PI nicht mehr da wäre. Mir scheint, dass oftmals allzu sehr schon gegen das Äußern von Meinungen gearbeitet wird, zu wenig gegen die Meinung selber. Und nicht gegen Intoleranz und Vorurteile, sondern ausschließlich dagegen, dass sie geäußert werden können.
Irgendwo in einem Forum hat mal jemand geschrieben: Es geht nicht um die Wahrheit, sondern um die Macht. Es ist aber kein Ziel erreicht, weil irgendjemand nur die Klappe hält. Es ist eine Illusion.
11 Antworten bis hierher ↓
Ramon Schack // 8. Juli 2008 um 19:25
Ein sehr schöner Beitrag.
NUB // 8. Juli 2008 um 19:31
Hallo Ramon,
danke.
Womit ich dann auch schon einiges umrissen hätte, was ich in unserer Diskussion so einbringen wollte.
Ich bin da teilweise wohl etwas haarspalterisch, zumal es sich ja etliche Radikale stets sehr sehr einfach machen, dann zu fordern, andere sollten es sich schwer machen, aber das ist halt auch alles nicht einfach.
Am schlimmsten finde ich ja, wenn bei den Themen am Ende keine Versachlichung mehr stattfinden kann, sondern zuerst ein “Glaubensbekenntnis” abgefragt wird, “hälst Du zu A oder B?” — womit dann auch schon alles klar ist.
mrpresident // 8. Juli 2008 um 21:27
Ich finde den Beitrag auch sehr lesenswert. Das ist ein zwar delikates Thema, aber man solle die Problematik der “Gesinnungsdikatur” schonmal ansprechen. Ich erinnere hier mal an die South Park-Folge “The Death Camp of Tolerance”, die hat die Thematik ganz gut erfasst. Toleranz bedeutet nicht, dass ich etwas akzeptiere und mag. Wenn ich zum Beispiel den Islam toleriere, dann bedeutet das nicht, dass ich seine Inhalte und Lehren toll finden muss. Interessant ist ebenfalls, dass die meisten autoritären Staaten der Welt sich damit zufriedengeben, wenn man seinen Unmut über das Regime nicht öffentlich kundtut. Dass es in China keine regierungskritischen Leserbriefe in der Zeitung gibt, bedeutet nicht dass es keine Regimekritiker gebe. Diese Form der “Illusion von Gleichgesinnung” ist aber nicht mal in repressiven Gesellschaften aufrecht zu erhalten.
mrpresident // 8. Juli 2008 um 21:28
Upsa, da sind wohl einige Tippfehler drin… Sorry!
NUB // 8. Juli 2008 um 21:35
mrpresident
Man wird nie alle Widersprüche zwischen verschiedenen Gesinnungen und Weltanschauungen überbrücken oder einebnen, aber man kann sich z.B. schon Gedanken machen, wie man bestimmte Feindbilder reduzieren kann, indem Menschen anfangen, miteinander zu reden anstatt nur übereinander. Oder wie man hinterfragen kann, warum jemand so eine negative Meinung über jemand anderes hat, ob die wirklich fundiert ist, auf Erfahrung beruht. Ist natürlich sehr schwierig, wesentlich schwieriger als eine “hippe” gesamtgesellschaftliche Idealgesinnung festzulegen und alles übrige (Fundi-Christen z.B.) für nicht relevant zu erklären…
Eine kulturelle Gesinnungsdiktatur ist auch noch mal etwas anderes als eine durch ein Regime festgelegte Leitlinie, etwa in Nordkorea. Eine kulturelle Gesinnungsdiktatur wäre quasi eine gesellschaftliche Leitlinie, eine Norm, der sich die meisten praktisch selbstverständlich unterwerfen und anpassen, weil es sich so gehört. Ein Diktat der Mehrheit, nicht unbedingt des Gesetzes.
So wie es sich gehört, in der Öffentlichkeit bekleidet rumzulaufen, zu grüßen, … Wobei es ja bzgl. Religionskritik auch vom Gesetzgeber Beschränkungen gibt. Es ist wichtig, das zu trennen, weil ja Neonazis die “Gesinnungsdiktatur” des “Systems BRD” meinen würden und darauf abzielen, die gesetzlichen Bestimmungen und Beschränkungen für nationalsozialistisches Gedankengut mit dem Hinweis auf die Meinungsfreiheit zu ändern. Ebenso ist der Begriff “Gutmensch” dann in einem anderen Kontext zu verstehen, wenn solche Leute ihn gebrauchen. Dann ist das so in etwa schon jeder Demokrat, jeder ohne Nazi-Einstellung. Und bei PI sind das alle, die PI kritisieren. Synonym Multikulti-Schwuchtel, Dhimmi, …
mrpresident // 8. Juli 2008 um 22:22
Alles richtig. Allerdings wäre es falsch zu glauben, dass Diktaturen ihre Bevölkerung nur durch Gewalt (bzw. “Gesetze”). auf Linie bringen. In China gibts es zum Beispiel die Tendenz, dass regierungstreue “Netizens” in Internetforen Jagd auf Abweichler machen. Die Veröffentlichung des eigenen Namens, in Verbindung mit dem Vorwurf unpatriotisch zu sein, kann einen da schnell den Job kosten und Leben zerstören. Daraus folgt dann Selbstzensur in der Öffentlichkeit. Sowas muss eine Regierung nichtmal durch die Androhung von Gewalt oder Strafen machen. Nordkorea ist sicher ein trauriger Sonderfall. PI ist ebenfalls traurig, aber das tue ich mir erst gar nicht an…
NUB // 8. Juli 2008 um 22:26
PI hat es geschafft, eine ganz eigene Geschichte aufzubauen, es ist eigentlich auch verkehrt, das mit so Nazi-Sachen in einen Topf zu werfen, der Begriff Sekte ist schon viel treffender…
Natürlich leben autoritäre Staaten nicht nur von Zwang, von Gesetzen und Strafen, klar braucht eine Diktatur Handlanger und Denunzianten. Aber daneben legt jede Gesellschaft, eben auch unsere, irgendwie fest, was sich gehört, was geht und was nicht. Beispielsweise, fiktiv: Familie S. gilt in der Nachbarschaft als asozial. Dafür sind nicht zwingend irgendwelche Denunzianten erforderlich, bestimmte Abweichungen in Verhalten und gesellschaftlichem Status reichen.
Politische Kräfte können sich die Diskurshoheit zum Ziel setzen, aber mehr als das die Schaffung einer Norm, wonach ihre Einstellung als (einzig) richtig gilt. Darum geht es ja auch bei der Bezeichnung “Politically Incorrect”, nur mit dem Schönheitsfehler, dass die etablierten Ansichten durch neue Dogmen ersetzt werden sollen — eben nicht durch pluralistische Werte. Das ist so wie ein Fundamentalist, der einem anderen Fundamentalismus vorwirft, aber nur seinen Fundamentalismus durchsetzen möchte.
NUB // 9. Juli 2008 um 16:57
Bis zu diesem YouTube-Video dachte ich, NPD und Fundichristen, das ginge nicht gut zusammen. Aber auch das geht.
axyron // 13. Juli 2008 um 6:08
@mrpresident
Daß “dieses Thema” für dich “delikat” ist, schließt aus, daß wir unter Toleranz dasselbe verstehen.
Daß ich schwul bin, kannst du genauso wissen, wie ich weiß, daß du es nicht bist. Niemend verlangt, du müßtest das toll finden. Ich möchte, daß er dir ganz einfach schnurzpiepegal ist, weil dich meine Sexualität gar nichts angeht. Deine Sexualität, mir genauso fremd wie meine dir, interessiert mich nicht, sie spielt bei meiner Beurteilung deiner Person absolut keine Rolle.
Umgekehrt ist das anders. Ich bin nämlich für dich “delikat”. Und solange ich für dich “delikat” bin, tolerierst du mich nicht, sondern läßt mich bestenfalls kopfschüttelnd durchgehen.
Was ich dir schon hoch anrechnen würde. Man ist schließlich nicht gerade verwöhnt.
Kulturkämpfchen « Raumzeit // 13. Juli 2008 um 21:27
[...] Denke gesellschaftlich lebbare Toleranz bedeuten könnte. Dazu arbeitet er sich ausgerechnet an den letzten Texten von GayWest ab.Das erinnert mich nur im Ansatz an die Kampagne der unsäglichen PI gegen die [...]
mrpresident // 14. Juli 2008 um 20:23
@ axyron: Ich bin tatsächlich der Meinung, dass die Sexualität eines Menschen Privatsache ist und niemanden etwas angeht. Sie ist für mich nicht die Basis, auf der ich einen Menschen beurteile. Ich habe daher auch noch nie über Homosexuelle den Kopf geschüttelt…
Meine angebliche Schwulenfeindlichkeit aus dem Wörtchen “delikat” abzuleiten halte ich ebenfalls für fragwürdig. Hast Du irgendwelche anderen Beweise für diese Anschuldigungen?