Neues Und Bekanntes

Beiträge vom Mai 2008

Butterface

31. Mai 2008 · 4 Kommentare

Beim Surfen im Web stößt man immer mal wieder auf englische Begriffe und Redewendungen (American English), zu denen einem auf Anhieb keine deutsche Entsprechung einfällt. Bei Filmen wird dieses Problem meist über grottenschlechte Synchronisationen gelöst.

Im Zusammenhang mit dem neuen Sex And The City-Film bin ich auf den Begriff Butterface gestoßen.

Gemein ist ja diese Seite: http://www.sarahjessicaparkerlookslikeahorse.com

Sensibilitäten “des Deutschen” und “des Amerikaners” zu vergleichen, führt sicherlich in die Sackgasse. Auch in Deutschland kann Satire über die Schmerzgrenze hinausgehen, muss dann aber auch schon mal mit klagewütigen Zeitgenossen rechnen, die das gar nicht lustig finden.

Man muss schon mit einem “Achtung Humor, Achtung Satire”-Schild herumlaufen oder gerade den Karneval ausgerufen haben, wobei die “fünfte Jahreszeit” bekanntlich eine ähnliche Funktion wie ein “Jetzt sind wir lustig”-Schild hat und dem Deutschen signalisiert, nicht wegen jedem Mist gleich seinen Anwalt einzuschalten. Und selbst im Fasching ist die Geschmacksfrage manchmal ungeklärt oder gefährliches Terrain.

Mit Mentalitäten ist das immer so eine Sache, es muss unscharf bleiben, weil es ja nie für jeden zutreffen kann. In einem Land, das sich ein Grundgesetz gab, bei dem die Würde des Menschen an die erste Stelle gesetzt wurde, hat dies aber womöglich doch Effekte, die den Humor betreffen. Zumindest insofern, dass man bei bestimmten Scherzen sehr klar signalisieren muss, dass es ein Scherz ist.

Einiges geht wohl nirgendwo auf der Welt im Büro, beim Geschäftsessen und in feiner Gesellschaft als Humor durch, wenn es irgendwie verletzend und beleidigend sein könnte. Witze über ethnische Gruppen, Religion(en), Völkermord, Krankheiten, Sex u.v.a.m. Es ist sehr schwer, genaue Grenzen zu ziehen, was gesellschaftlich noch tragbar ist, was mit der Kategorie Satire vor jeder Kritik und Zensur in Schutz genommen wird und was nicht. Weil es eben am Ende keiner stringenten Logik folgt, sondern speziellen Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten.

Kategorien: Bekanntes · Gesellschaft · Hinweis · IT · Medien · Neues · Politisches · Skurriles · Wirtschaft

Ist mehr Bildung doch nicht das Rezept?

25. Mai 2008 · 14 Kommentare

Zumindest stellt Christoph Butterwegge dieses Patentrezept gegen Armut in Frage.

Denn wenn alle Kinder, was durchaus wünschenswert wäre, mehr Bildungsmöglichkeiten bekämen, würden sie um die wenigen Ausbildungs- und Arbeitsplätze womöglich nur auf einem höheren Niveau, aber nicht mit besseren Chancen konkurrieren. Folglich gäbe es am Ende mehr Taxifahrer mit Abitur und abgeschlossenem Hochschulstudium, aber kaum weniger Armut.

Teilweise stimmt das wohl. Es ist aber wie vieles eine Halbwahrheit. Denn schon beim Armutsbegriff wird ja, da relative Armut gemeint ist, jongliert und ein Hütchenspiel betrieben. Das größte Problem hat jede Gesellschaft mit den Leuten, die komplett aus dem Raster fallen, überhaupt nicht arbeiten, das heißt auch keine geringfügige Arbeit ausüben, die für keine Arbeit in Frage kommen bzw. nicht vermittelbar sind. Zugleich entstehen zusätzliche Kosten im Gesundheitswesen, Kinder aus dieser Schicht kommen in Deutschland häufig nicht aus dem Dilemma heraus.

Es kann nicht darum gehen, das Niveau aller anzuheben, so dass die “Verlierer” einfach auf höherem Niveau verlieren. Natürlich ist es Quatsch anzunehmen, jeder könnte Millionär sein, in einem Betrieb kann schließlich auch nicht jeder CEO sein. Und bei jedem Wettkampf gibt es erste und letzte Plätze, jede Konkurrenzsituation, jeder Wettbewerb geht so aus.

Es ist aber nun mal eine Tatsache, die Butterwegge etwas unterschlägt: Wer ein gewisses Mindestniveau unterschreitet, hat es im Leben unendlich schwer. Wer z.B. halber oder ganzer Analphabet ist, hat es sehr viel schwerer, wer mit einfachen Rechnungen überfordert ist, hat es viel schwerer. Mehr Bildung macht da nicht aus Armen plötzlich Reiche, aber sie macht das Leben für die Menschen erträglicher, die sonst ganz unten stünden und für die schon der Alltag eine fast nicht zu überwindende Hürde darstellt. Leute, die sonst für keine Arbeit in Frage kämen, können mit mehr Bildung zumindest zeitweise einer Beschäftigung nachgehen. Welche Alternativen hätte Butterwegge sonst? Mehr Umverteilung? Sich abfinden mit einer “Unterschicht”?

Die psychologische Komponente kommt dabei ebenso zu kurz: Für das Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl eines Menschen ist durchaus nicht unwichtig, wie er sich selber im Vergleich zu anderen bzw. in deren Bewertung einschätzt. Stellt man da bloß Elite gegen Unterschicht auf, müsste jeder, der nicht zur Elite gehört, in die Depression verfallen. Das Beispiel mit dem Analphabetismus ist ein Beispiel für etwas, das mit Stigmatisierung und Diskriminierung verbunden ist, so wie vieles andere. Vor Defiziten und Benachteiligungen zu kapitulieren oder sie einfach als gegeben hinzunehmen und nur finanziell auszugleichen, greift sicherlich zu kurz. Eine Gesellschaft, die z.B. Jugendliche “produziert”, die zu kaum einer Arbeit überhaupt ansatzweise in der Lage wären, hat ein riesen Problem.

Es gibt einfach Kenntnisse und Fähigkeiten, die das Leben leichter machen und Defizite, die das Leben unendlich schwer machen. Butterwegge selbst wäre nicht dort, wo er ist, hätte man ein paar Bildungsschräubchen anders eingestellt. Und vielleicht sollte man wirklich nicht nur von Bildung sprechen, sondern von Entwicklung. So wie Kinderpsychiater Michael Winterhoff in seinem Buch “Warum unsere Kinder Tyrannen werden”.

Kategorien: Bekanntes · Gesellschaft · Medien · Neues · Politisches · Wirtschaft

Armutsbericht kommt

18. Mai 2008 · Kommentar schreiben

Er ist Wasser auf die Mühlen von Die Linke und bekräftigt wahrscheinlich die Forderungen nach einem flächendeckenden Mindestlohn. Der Armutsbericht.

Dabei gibt es wie immer genügend Stimmen, die in mehr staatlicher Regulation nur eine Zementierung der Armut sehen. Der flächendeckende Mindestlohn als Arbeitsplatzhindernis ist wohl dieser Tage das am meisten diskutierte Beispiel für Regulierungspläne der Sozialdemokratie. Auch der Kündigungsschutz dürfte wieder in die Diskussionen einfließen.

Viel grundlegender und entscheidender erscheint mir aber die Unterscheidung zwischen Bildung und Qualifikation auf der einen und mangelnder Bildung und Qualifikation auf der anderen Seite. Mehr Markt, reiner Markt ist für alle attraktiv und effektiv, solange die Arbeitnehmer für die Arbeitgeber interessant sind. Bei Jobs, die fast kein Knowhow erfordern und für die sehr viele Menschen in Frage kommen, die Erwerbslosen (und potenziell noch europäische und außereuropäische Ausländer), kann der Markt nur einen ganz niedrigen Lohn erzeugen. Es ist nicht damit zu rechnen, dass es künftig weniger oder keine staatlich subventionierte bzw. mit Transferleistungen abgefederte Arbeit gibt, eher im Gegenteil.

Kategorien: Bekanntes · Gesellschaft · Medien · Neues · Politisches · Wirtschaft

Sogar beim Baden wird man vergiftet

17. Mai 2008 · 2 Kommentare

Das geht zumindest aus jüngsten Gewässeruntersuchungen hervor.

Natürlich kommt es wie bei allen Giften auf die Dosis an, was der Verunsicherung, die derartige Meldungen auslösen können, aber keinen Abbruch tut. In Leitungswasser (”Trinkwasser”) wurden schon mal diverse Rückstände aus Medikamenten gefunden, aber in sehr geringen Mengen. Für den Laien ist die Bedrohung subjektiv von der Dosis unabhängig, weil der Laie das nicht einschätzen kann. Auch ein anderer alter bekannter der Angstmacherei darf nicht fehlen:

Experten gehen davon aus, dass derartige Befunde künftig zunehmen. Die Klimaerwärmung begünstige offenbar das Wachstum von Cyanobakterien-Arten (”Blaualgen”) in hiesigen Gewässern, “die insbesondere Neurotoxine produzieren können”, heißt es in einem Bericht des Kompetenzzentrums Wasser Berlin. Ein von Blaualgen abgesondertes Lebergift sei schon in mehr als 60 deutschen Gewässern nachgewiesen worden.

Fassen wir zusammen: Nichts essen, nichts trinken, nicht baden gehen, nicht Auto fahren, nicht fliegen, keinen Strom verbrauchen, nicht heizen, … nicht leben. Sonst wird man vergiftet oder vergiftet selber die Natur.

Dabei dachte ich, das mit der Klimaerwärmung ist erst mal verschoben.

Kategorien: Bekanntes · Blogosphäre · Gesellschaft · Hinweis · Medien · Neues · Politisches · Skurriles · Wissenschaft

Objektiv und neutral, zwei Phantome, ein Problem

15. Mai 2008 · 4 Kommentare

Gerade konservative Medien tun sich häufig damit hervor, die Voreingenommenheit und ideologische Verbohrtheit linker und linksliberaler Medien und Autoren herauszuarbeiten. Oft mit Recht. Leider aber allzu oft unter Verwendung derselben voreingenommenen, bloß spiegelverkehrten Methoden und natürlich kein bisschen neutral. Beispiel: http://www.conservapedia.com/Atheism

Mit Verweis auf: http://creationwiki.org/Decline_of_atheism

Das ist kein Problem, wenn der Wikipedialeser sich auch woanders informiert. Und solange der Conservapedialeser eben nicht nur Conservapedia konsumiert. So gesehen ist der einseitig informierte Leser immer selber schuld an seiner einseitigen Informiertheit. Ob Nahostkonflikt oder Atheismus, Tibet oder Klimawandel, wer will, kann die eine und die gegenteilige Ansicht finden.

Besonders kontrovers sind immer wieder Diskussionen zum Thema Islam, Beitrag des Islam zur Zivilisation und Deutung des Koran z.B. Von handfesten Glaubensfragen, deren Subjektivität dem Beobachter ins Auge springt, mal abgesehen, gibt es die Objektivität und Neutralität so, wie sich einige die Begriffe vorstellen, eher nicht.

Damit jemand völlig neutral ist, müsste er von Bedingungen ausgehen, die ausschließlich die Eigenschaft inne haben, keiner Seite in einer Meinungsverschiedenheit zu nutzen. Das geht natürlich nicht. Genauso müsste völlige Objektivität von Erkenntnissen unabhängig sein, die aus einer bestimmten Zeit heraus von bestimmten Urhebern (mit bestimmten Interessen) stammen. Und die verwendeten Erkenntnisse müssten, weil sie “letzte Wahrheiten” sind bzw. Grundannahmen, nicht in Frage zu stellen sein. Gibt es kaum.

Da wir jetzt nur noch von relativer Objektivität und Neutralität sprechen können, reduziert es sich eigentlich darauf, beide bzw. alle Seiten zu kennen und zu hören. Ein gutes, verhältnismäßig “neutrales” Lexikon würde demnach die verschiedenen Ansichten zu Wort kommen lassen, die zu einem Thema existieren, nicht nur eine oder nicht nur eine bevorzugte, die fast den ganzen Artikel in Beschlag nimmt.

Kategorien: Blogosphäre · Gesellschaft · Hinweis · IT · Medien · Politisches · Wissenschaft