”Sind Sozialisten empathischer?” fragt Focus.
Bedeutend für die Fähigkeit eine fremde Perspektive verstehen zu können, scheint also die Kultur selbst zu sein, in der ein Mensch aufgewachsen ist – und deren Werte er verinnerlicht hat. In der westlichen Welt könnte es der Individualismus sein, die Selbstverwirklichung jedes Einzelnen als höchstes Gesellschaftsziel, die zum Kommunikationsproblem wird, vermuten die Wissenschaftler.
Etwas überspitzt formuliert würde das heißen, im Westen lungern lauter grenzwertig autistische Egomanen herum, die Kooperation höchstens vortäuschen. Aber:
Zu ihren Ergebnissen kamen die Forscher im Labor. Sie brachten 20 chinesische Studenten, die mit Mandarin als Muttersprache aufgewachsen sind, mit 20 englischsprachigen Amerikanern zusammen, um ihre Hypothese zu überprüfen, dass Zusammenarbeit Menschen dazu bringt, das Augenmerk von der eigenen Person abzulenken und auf andere Personen zu richten.
Anhand von 20 Individuen Schlussfolgerungen über ca. 300 Mio. Amerikaner und 1,3 Mrd. Chinesen zu treffen. Mutig.
Das heißt jetzt nicht, dass nichts dran ist. Bloß: Müsste man nicht weiter nach Berufsgruppen, Altersklassen, Geschlecht, sozialem Rang/Herkunft, Bildung u.s.w. differenzieren, um zu verwertbaren Aussagen zu gelangen? Vielleicht kennt sich ein Leser mit Studien zu sozialwissenschaftlichen Fragen aus.
Empathie kann man so oder so verstehen. 1918 waren Sozialisten empathisch genug festzustellen, dass die Zarenfamilie künftig Probleme machen und den Zielen des Sozialismus im Weg stehen könnte. Also haben sie die Familie abgeknallt. Da ging es nur um Einstellungen und um die Beeinflussung von Menschen, die Zarenfamilie war nicht stark genug, um eine physische Bedrohung darzustellen.
Mao musste sicherlich auch über gute empathische Fähigkeiten verfügen, um die chinesischen Massen hinter sich zu vereinen und viele zu seinen Komplizen zu machen.
Und um Gegner zu erkennen und zu vernichten, bevor sie zu stark wurden.
Siehe auch: B.L.O.G.
5 Antworten bis hierher ↓
Marian Wirth // 13. Juli 2007 um 18:50
So, ich habe mir jetzt die Hälfte des Zeitschriften-Artikels inklusive der Versuchsanordnung durchgelesen; dann hatte ich keine Lust mehr. Meine Leselust nahm ab dem Punkt rapide ab, als klar war, dass die Probanden zwar alle von derselben Uni kamen, dass aber die Chinesen erst zwischen 2 und 9 Monaten in den USA waren. Das erhöht für mich die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Chinesen untereinander besser kannten als die Amis. Außerdem kam es dabei auch auf Kommunikationsfähigkeit an, denn es ging im Wesentlichen darum, Kommandos zu geben, zu verstehen und umzusetzen. Das machten die Amis auf Englisch, die Chinesen auf Chinesisch. Spätestens hier wird das Experiment lächerlich.
Da werden Äpfel mit Birnen verglichen. Und mit Empathie hat das Ganze schonmal überhaupt nichts zu tun, denn es geht – entgegen der vorangestellten Hypothese – eben gerade nicht darum, die Erfahrungen des anderen zu berücksichtigen, sondern nur den Umstand, dass die Ausführenden mehr Informationen hatten als der Befehlende.
NUB // 13. Juli 2007 um 20:34
Hallo Marian,
dann war der Versuch ja totaler Schrott.
Was soll’s. Viele Meinungsumfragen, die auf Internetseiten von Nachrichtensendern oder Magazinen auftauchen, sind auch Schrott. Z.B.
(Quelle)
Nun können die Teilnehmer aber auch einfach irgendwas ankreuzen.
Was bei einer ausreichend großen Anzahl Teilnehmer nicht ungewöhnlich wäre, oder?
Marian Wirth // 13. Juli 2007 um 20:57
Naja, ich finde das schon ziemlich ärgerlich. Es geht hier immerhin nicht um einen Trendforscher, geschweige denn um eine zusammen gestümperte Internet-Umfrage. Sondern um einen nicht ganz unbekannten Psychologen, der eine aufwändige Versuchsreihe mit wissenschaftlichem Anspruch durchgeführt hat.
Eigentlich kann es uns ja egal sein, wofür die University of Chicago ihren Forschungsetat verballert und ob die Untersuchungsergebnisse irgendwann einmal Eingang in affirmative action – Richtlinien oder so finden. Aber für mich liegt die Schwachsinnigkeit dieses Experiments so offen zu Tage, dass mir nur wieder die Frage einfällt, die HMB neulich in seiner Dankesrede bei der Ludwig-Börne-Preisverleihung gestellt hat: “Bin ich verrückt – oder sind’s die anderen?”
Die Umfrage von der BamS ist natürlich super, klar.
Karsten // 17. Juli 2007 um 0:48
Ich denke, die im Artikel gemachte Beobachtung reicht schon vollkommen aus. Eine Studie mit 20 Teilnehmern fällt auch nach soziologischen Maßstäben eher in den Bereich des Alltagswissens als auch nur in die Nähe irgend einer Form von Wissenschaftlichkeit. Lächerlich.
NUB // 17. Juli 2007 um 8:22
Ja Karsten, vergessen wir das Ganze. Vielleicht kommen die Macher der Studie beim nächsten Mal mit was Gescheiterem um die Ecke.