Zu den aufschlussreicheren Politikrunden zählte die Maybritt Illner-Sendung zum Thema “Die 68er - Befreier oder Zerstörer?”, in der ZDF Mediathek (Suchbegriff 68er) abrufbar. SPIEGEL und taz haben die Sendung kommentiert. Einige Anmerkungen:
Claus Peymanns und Jutta Ditfurths Kritik, die Betrachtung der 68er werde den damaligen Verhältnissen nicht gerecht und verteufle alles was damals an linkem Engagement da war (Emanzipationsbewegung, K-Gruppen, Antikriegsbewegung, Antifaschismus…) über die RAF kommend, mag teilweise zutreffen. Leider wird dieser, auch von Heiner Bremer behaupteten Undifferenziertheit keineswegs ein besseres, differenzierteres Bild entgegen gestellt, kein besserer Kritikansatz, sondern vielmehr verklärend und über weite Strecken auch verfälschend dem reinen Negativbild ein fast reines Positivbild entgegen gehalten. Was auch menschlich sein mag, die eigene Jugend wird wohl jeder eher positiv zeichnen und die Verfehlungen und Irrtümer im Nachhinein kleinreden. Hier geht es aber um Mio. von Leuten, die gleich oder ähnlich dachten.
Anstatt aufzuzeigen, wie Götz Aly, Ex-Revoluzzer und Historiker, seine Kritik am Mao-Kult, an der fehlenden Distanzierung vom Totalitarismus und an Gewaltbereitschaft in der Gesinnung der 68er differenzierter gestalten könnte, fällt Claus Peymann nur ein, dass er sich heute beim Thema Irakkrieg und generell genauso viel Idealismus und revolutionären Geist wünschte wie damals. Bis hin zur hanebüchenen Behauptung, der Vietnamkrieg der USA habe noch etwas mit Kolonialismus zu tun gehabt, die Peymann völlig unverändert ins Jahr 2008 übernimmt.
Mit anderen Worten: Wir hatten immer Recht und haben noch immer Recht. Die, die uns kritisieren, treffen mit ihrer Kritik überhaupt nicht den Punkt, sondern wollen nur delegitimieren. Eine Argumentation, mit der auch anderswo Linke sich gegenüber der Kritik absichern wollen.
Besonders interessant ist das Abschmettern der Kritikansätze von Bettina Röhl und Götz Aly in der Illner-Debatte aber deshalb, weil da zwei Spezialisten auf dem Gebiet von vornherein unterstellt wird, nur ein Buch verkaufen zu wollen oder wie Peymann gegenüber Röhl äußert, noch zu jung gewesen zu sein und bloß ein (emotionales) Problem mit der Mutter (Ulrike Meinhof) zu haben. Auch wenn Bettina Röhl und Götz Aly womöglich zu stark pauschalisieren oder unterstellend arbeiten, was jeder tut, der zu einer Aussage gelangen möchte: Wenn Peymann und Ditfurth bei den beiden nichts einfällt, was in der Sache an Kritik aufgreifbar wäre, sondern nur “Alles Quatsch, ich lange mir an den Kopf”, dann sind die beiden kritikresistent und unbelehrbar, niemand könnte überhaupt mit Argumenten an sie herankommen.
Der Haupt”fehler” bei der Verteufelung von 68 liegt wohl tatsächlich in der Subsummierung zu einem typischen 68er, der bis hin zur RAF alles verinnerlicht haben musste, was assoziierbar ist. So muss ja nicht jeder drauf gewesen sein, dass aber viele es waren und eben auch Mao toll fanden, während Demokratien verworfen wurden, in der Revolution aufgelöst statt reformiert werden sollten, bleibt trotzdem zutreffend. Wie in der Sendung gesagt wird, zu einer selbstironischen Betrachtung fehlt den 68ern aber etwas. Zu einer selbstkritischen bisweilen auch. 68 ist sicher nicht alleinschuldig an der RAF, aber es hat etwas damit zu tun.
Die RAF kommt aus keinem bürgerlichen, keinem CDU-, Junge Union- oder sonsteinem Zusammenhang, sondern aus einem klar der linksradikalen Szene von damals zuzuordnenden Zusammenhang. Dass dies nicht alle von anderen vertretenen emanzipatorischen und sonstigen Anliegen delegitimieren sollte, ist richtig, kann aber nicht der Kern der Aufarbeitung und Analyse oder irgendeiner Selbstkritik sein, die der Geschichte gerecht wird.
Mit dem Verweis, dass es ja auch anderes gab außer Totalitarismus oder dass es ja auch ein paar gab, die die DDR nicht toll fanden und gegen die Mauer waren, ist die Kritik nicht weggewischt. So ein flapsiger Umgang mit Kritik an der eigenen Position durch alte Linke bis heute zeigt, wie wenig der Streit mit wirklich Andersdenkenden bei der Linken damals üblich war, wie rechthaberisch und arrogant man sich über alles meinte hinwegsetzen zu können und auf eine utopische Zukunft nach der Revolution verweisen zu können.
Entlarvend ist da auch, dass die, die ihre Meinung ändern, als “Überläufer” bezeichnet werden. Ein Indiz dafür, für wie unveränderlich man die eigene linke Position hielt, ähnlich einem sehr dogmatischen Glaubensbekenntnis.
Man ist schlicht zu einer Diskussion abseits der eigenen Prämissen kaum in der Lage, ist es gewohnt, andere über die eigenen Voraussetzungen auf dem Weg zum Kern der Sache argumentativ verhungern zu lassen. So wie ein Theaterregisseur, der erst mal seine eigene Kulisse aufbauen muss und dann auch nur die Schauspieler nach Drehbuch verfahren lässt.
Weder die freie Rede, noch die Infragestellung der eigenen Sichtweise ist vorgesehen, erprobt, bekannt. So müssen die Maoisten damals in China gewesen sein. Vor allem eben, wenn Ditfurth im Einklang mit Peymann die im Grunde höchst kindische Ansicht vertritt: Wenn Eure Kritik nicht alle 68er zugleich trifft, dann ist sie allgemein Quatsch.
Man sorgt durch eine Auffecherung der 68er erst dafür, dass keine Kritik überhaupt greifen kann, überhaupt einen Ansatzpunkt finden kann, sucht sich auch selber keinen und bemängelt dann die Verallgemeinerung. Zeigt eindeutig, dass Kritik nicht gewünscht ist. Dabei ist das bis heute oder gerade heute ein wichtiges Thema und wäre auch im Hinblick auf die heutige Linke diskussionswürdig.
Peymann wollte in dieser Diskussion aber lieber den Unverbesserlichen, Unbelehrbaren spielen, an dem alles abperlt und der tatsächlich zu glauben scheint, mit einer Wiederbelebung revolutionärer, gar krawalliger Aktion ohne kritischer Inhaltsbestimmung sei der Gegenwart gedient. Der Versuch, hier ein differenzierteres Bild der 68er entgegen zu setzen, ist Peymann und Ditfurth gründlich misslungen. Eher klischeehaft jedes Vorurteil bestätigt kann man da nur sagen.
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