Dieser Tage geht Antisemiten weltweit einer ab, um das zu wissen, muss man nur eine ältere Quelle querlesen. Selbstverständlich wird die Tatsache, dass Bernard L. Madoff in eine jüdische Familie geboren wurde, in diesem Zusammenhang aufmerksam zur Kenntnis genommen. Fast müsste man sagen, da habe einer bereitwillig dem Prototyp eines antisemitischen Klischees entsprochen.
Doch inwieweit würde man auf diese Weise selber ein antisemitisches Denkmuster bedienen, nämlich das vom Juden, der durch sein eigenes Tun am eliminatorischen, hasserfüllten und diskriminierenden Antisemitismus die Schuld trägt? Madoff kommt jedem Antisemiten wie gerufen. Aber da der Antisemit allen Juden etwas unterstellt, kommt jeder Jude wie gerufen. Der Schluss daraus müsste gewissermaßen ein Jude sein, der sich brav verhalten muss, kein einziger Jude dürfte mehr durch Kriminalität auffällig werden. Manchmal reicht schon Reichtum beim Juden ohne Nachweis der Unrechtmäßigkeit.
Ein Milliardenbetrüger, der tausende Anleger schädigt und den bislang wohl größten Wall Street-Betrug verantwortet, düfte sich dann erst recht nicht unter den Juden finden. Aber was dürfte ohne den Antisemiten zu bestätigen? Viel Verwirrung gibt es noch heute um die Juden als Religionsgemeinschaft, die sich teilweise als Volk begreifen, untereinander solidarisch sind (”sich gegenseitig unterstützen”), was nicht jeden einzelnen Juden nötigt, dieses Empfinden zu teilen und nach diesem Stereotyp zu handeln. Aber was nutzt es dem Juden, es anders zu machen? Der Antisemit muss nur ein Beispiel finden, das ihn belegt. Gibt es gerade keines, halten die “überlieferten” her.
Der Antisemit an sich ist durch Argumente nicht zugänglich. Würde man ihm sagen, dass der Madoff sein Schneeballsystem gar nicht beenden konnte, ohne aufzufliegen, und dass andere durch ihr Tun sicher begünstigt haben, was der Milliardenbetrüger durchgezogen hat, man würde sich wohl den Vorwurf einhandeln, Madoff zu verteidigen. Der Hinweis, dass die Juden schon recht stark in der Finanzwelt präsent sind, ggf. geschmückt mit der Bemerkung, wie geschickt und clever die Juden dabei sind, im Grunde doch nur purer, schleimiger Philosemitismus, der den Antisemiten eigentlich in seinem Glauben noch bestärkt.
Sagt man dem Antisemiten, der Madoff habe auch andere Juden betrogen, so wird es der Antisemit zum Anlass nehmen, dies als Argument gegen alle Juden zu benutzen, indem er Madoffs Verhalten als typisch jüdisch bezeichnet, der, der andere übers Ohr haut, selbst andere Juden, als Kern des vermeintlich jüdischen Charakters.
Verweist man auf andere, seriös arbeitende Juden, wird man sicher zu hören bekommen, der Madoff habe einen so großen Schaden angerichtet, dass dies für die anderen Juden gleich mit reicht. Das antisemitische Weltbild ist ein geschlossenes und es wird in der Einzelperson Madoff einen lang anhaltenden Pseudobeweis für das Wesen “des Juden” vorfinden. Ob in Nahost gebraucht oder hier.
Die Juden hätten sich eben alle, wirklich alle ganz “brav” verhalten müssen. Dann hätten die Antisemiten angebliche Untaten der Vergangenheit gegen die Juden vorgebracht und weniger Aktuelles. Wenn ihnen nichts Besseres einfällt, wären die Sachen aus dem Mittelalter oder das mit der behaupteten Schuld am Tod Jesu rausgekramt worden. Irgendwann wäre natürlich ein Jude doch aktuell “auffällig” geworden. Und sei es mit einer nur siebenstelligen Summe. Oder einer fünfstelligen.
Die Juden können machen was sie wollen, der Antisemit wird in allem eine Bestätigung dafür finden, wie die Juden generell seien und dass er Recht hat. Perfiderweise können auch Positivbeispiele nichts mehr ausgleichen, diese wird der echte Antisemit nur als Ausnahmen von der Regel sehen, genauso wie die Juden, die selber antisemitisch motivierte Vorwürfe reproduzieren, den Antisemiten nur in seinem Glauben festigen.
“Die Juden” werden daher sicher weiter ganz unterschiedlich nach ihrer Vorstellung leben und sich nicht daran orientieren, ob sich Antisemiten permanent bestätigt fühlen. Das Maximale, das Juden beim Antisemiten erreichen können, ist wohl die Instrumentalisierung gegen andere Juden. Eine darüber hinaus gehende Sympathie ist sowieso nicht vorgesehen.
Und daher spielt es am Ende keine große Rolle, ob Madoff eine Art neue Vogelscheuche der Antisemiten wird oder nicht. Irgendein Beispiel findet sich immer, wenn man irgendwas unbedingt beweisen will. Bisweilen sind Leute nur neidisch, sich nicht selber Millionen und Milliarden von anderen aneignen zu können oder benötigen eben ein personifiziertes Feindbild. Wer anderen und sich einreden möchte, bei der übrigen Menschheit seien Nächstenliebe und Rücksichtnahme, Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit sehr ausgeprägt, der soll das ruhig tun. Die Nachrichten widerlegen das täglich. Und wer nicht völlig blind ist, sieht täglich, dass es anders ist.